St. Martin Luttingen, Kirchgasse 4

Informationen zum Gebäude und zur Innenausstattung
 
 

Politische Geschichte 

Luttingen wurde im Rahmen der alemannischen Landnahme, wahrscheinlich  im 3. Jh. n. Chr., besiedelt. Die erste urkundliche Erwähnung als „Villa lutinga“ geht auf eine Schenkungsurkunde des Jahres 788 an das Kloster Lorsch zurück. Sicherlich bestand zu dieser Zeit schon eine bescheidene, dem hl. Martin geweihte Holzkirche, denn in der karolingischen Zeit des 8. und 9. Jh. war es sehr gebräuchlich, Martin von Tours (gest. 397 n. Chr.) als Kirchenpatron zu erwählen. Bis 1806 hatte das Haus Habsburg das Patronat über die Pfarrkirche. Luttingen kam danach politisch zum Großherzogtum Baden. 

Kirchengebäude 

Aufgrund der angewachsenen Gläubigenzahl und des schlechten Bauzustandes des alten Kirchenraumes entstand in den Jahren 1804 – 1806 nach umfangreichen Planungen ein komplett neues Kirchenschiff in der frühklassizistischen Grundform. Der aus Granitsteinen gemauerte spätgotische Turm aus dem 15. Jh. blieb erhalten, wurde aber um die Glockenstube erhöht und mit einem eleganten klassizistischen Pyramidendach versehen. Die Gesamtbauwerkshöhe beträgt 30 m. In die Chorturmanlage wurde der Altarraum eingefügt und nach Osten orientiert.

1933 – 34 erfolgte eine neuerliche Erweiterung des Kirchenraumes, wobei man eine sehr geschickte Umorientierung des Kirchenschiffes um 90° vornahm, indem der Hochaltar nördlich positioniert wurde und die heute nicht mehr vorhandene Orgelempore an der Südwand über dem jetzigen Haupteingang ihren Platz fand.

Eine freitragende Decke mit 17 m Durchmesser überspannt bis heute den Gottesdienstraum. Das aus der Romanik abgeleitete Stuck-Oktogon, mit Ornamenten bemalt,  rahmt die Decke ein. Die neun hohen Kirchenfenster stellte 1867 die Kunstglaserei Helmle & Merzweiler, Freiburg, her. Fünf davon haben eine barocke Bildeinfassung und ein Heiligenmedaillon im Zentrum.

Die Außenansicht des Gebäudes wurde 1986 durch eine neue Farbgebung und Betonung der Konturen durch barockrote Lisenen optisch eindrucksvoll aufgewertet. Diese historische Farbgebung ist in einem Protokoll von 1895 nachzulesen. Eine Turmuhr mit Schlagwerk verstärkt seit 1985 die Präsenz des Bauwerkes.  

Innenraum und sakrale Gegenstände 

1993 entstand ein Schwelbrand in der Kirche, wonach in der folgenden Generalsanierung der Rückbau in die West-Ost-Achse von 1806 angedacht und auch realisiert wurde.   Unter sorgfältiger Bewahrung aller Kunstgegenstände erfolgte 1994 die Renovation mit dem Einbau einer vorgezogenen Altarinsel, entsprechend der Intentionen des II. Vatikanischen Konzils. 

Das Innere der Kirche war von 1806 – 1933 komplett ausgemalt. Der renommierte Barock-Perspektivmaler Simon Göser (1735 – 1816) malte 1806 die drei Altarbilder in Öl, ebenso die gesamte Decken- und Wandgestaltung in farbiger Fresko-Technik. Ein restauriertes Fragment ist in der Umrahmung des St. Martin - Hochaltarbildes erhalten. Links und rechts sind die Apostelfürsten Petrus und Paulus zu sehen. Ein Kunstgriff im oberen Teil ist das Abkippen der Bemalung von der Senkrechten in die Waagrechte, um den Raum optisch zu erhöhen. Alle anderen farbigen Decken- und Wandgestaltungen fielen dem Erweiterungsbau von 1933/34 zum Opfer. 

Die Seitenaltar-Bilder aus der Hand Simon Gösers zeigen links „Mariä Verkündigung“, auf dem rechten Gemälde ist die „Taufe Jesu“ zu sehen. Die Umrankungen der Seitenaltarbilder schuf 1994 Johannes Berger, Bad Krozingen. Die holzgeschnitzten Statuen „Maria Immaculata“ und „Josef der Arbeiter“ auf den Seitenaltären entstanden Ende des 20. Jahrhunderts.   

In den Antependien der drei Altäre sind Medaillons in Monochrom-Malerei von Simon Göser eingefügt. Im Hochaltar ist das „Letzte Abendmahl“ zu sehen, die Seitenaltäre zeigen das „Opfer des Melchisedech“ und die „Opferung des Isaak“.   

Das spätgotische Sakramentshaus im Chorturm (Ende 15. Jh.) ist seit 1994 wieder seiner ursprünglichen liturgischen Funktion zugeführt. Links neben dem Sakramentshaus befindet sich ein frühbarockes Epitaph, welches an Johann Kaspar Albrecht (1639-1711), Pfarrer von St. Martin und Kommandant des Hauensteiner Landfahnens, erinnert. Der Taufbrunnen und die Kanzel sind qualitätsvoll gearbeitet und dem frühklassizistischen Stil zuzuordnen.

Über dem Eingang zur Sakristei befindet sich ein barockes „Karfreitags-Kreuz“ von 1740. Die beiden holzgeschnitzten Statuen „St. Antonius“ und „St. Josef“, welche die Orgel einrahmen, stammen aus dem 19. Jahrhundert. 

Der zentrale Kronleuchter und das Lüster-Ensemble im „Maria-Theresia-Stil“ wurden 1960 beschafft und sind mit wertvollen geschliffenen Kristallklunkern bestückt. Das wuchtige Kruzifix an der Südwand befand sich bis 1994 inmitten einer Figurengruppe über dem Hauptaltar.

Die 1994 angeschaffte Bestuhlung ermöglicht Umstellungen in Richtung Orgel für kirchenmusikalische Aufführungen. Durch die Flexibilität der Bestuhlung sind Service- und Reparaturarbeiten im Kirchenraum wesentlich leichter zu erledigen.

Zelebrations-Altar 

Das komplette Ensemble der zeitgenössischen Chorraumgestaltung mit Zelebrationsaltar, Ambo, Osterleuchter und Sedilien schuf  1999 Josef Henger aus Ravensburg. Die marmorne Altarplatte ruht auf einem kreuzförmigen Mittelteil aus Bronzeguss. Der im romanischen Bischofsornat dargestellte St. Martin zeigt der Gemeinde die Hostie und den Kelch.  Der Ambo, ebenfalls aus Bronzeguss erstellt, enthält drei goldene Blätter, die Heiligste Dreifaltigkeit symbolisierend, um deren theologische Festlegung zu Zeiten Martins gerungen wurde. Im Osterleuchter entsprießen aus Totengebeinen und einer Blattmaske frische Zweige als Symbol der Auferstehung.   

Glocken

1894 läuteten vier harmonisch abgestimmte Glocken auf dem Luttinger Kirchturm. Aus den Wirren und Munitionsbedürfnissen des ersten und zweiten Weltkrieges herrührend gab es von 1917 – 1956 kein homogenes, volles Geläute mehr. 1956 erfolgte schließlich die Weihe der von der Gießerei Schilling, Heidelberg, geschaffenen neuen Glocken. 

Nachstehend die Widmungen und Intonationen der vier Kirchenglocken:                           
Glocke 1   Heiligste Dreifaltigkeit         Schlagton e‘ + 2                           
Glocke 2   Maria Himmelskönigin        Schlagton g‘ + 4                           
Glocke 3   Heiliger Martinus                Schlagton a‘ + 2                           
Glocke 4   Hl. Josef, Hl. Bruder Klaus  Schlagton c‘‘ +4 

In der Tonfolge ist das „Te Deum“ und das „Gloria“ – Motiv enthalten. 

Orgel

Anlässlich der Kirchenerweiterung 1933/34 musste eine dem Klangraum der Kirche entsprechende neue Orgel angeschafft werden. Diese Orgel, mit pneumatischer Traktur, Kegelladen, zwei Manualen, Pedal und 19 klingenden Registern entstand bei Orgelbau Mönch, Überlingen und war auf der ehemaligen Empore an der Südwand aufgestellt. 

1974 erfolgte eine technische Verbesserung, ebenfalls über die Orgelbauanstalt Mönch, mit Umstellung auf elektro-pneumatische Traktur und Umdisposition auf 21 klingende Register, der Gesamtklang wurde heller und transparenter. Ab jetzt war es möglich, Orgelliteratur verschiedener Stilepochen zu spielen.   

1994 erhielt das Instrument seinen Platz ebenerdig an der Kirchen-Nordwand, angrenzend an eine Stufenanlage für den Kirchenchor. In der Folge verbesserte sich die Klangqualität beachtlich.

Stand:  20. Juni 2010 Verfasser: Lothar Rist